Umschulung für Rentner – Schatz kannste mal bitte

Umschulung für Rentner – Schatz kannste mal bitte

Rentner – Der Plan für die Rente war eigentlich

Jahrzehntelang war der Plan, den ich mir überlegt habe, absolut wasserdicht: Wenn die Rente erst mal da ist, wird das Leben ein einziger, unendlicher Sonntagmorgen. Füße hochlegen, die innere Uhr auf Werkseinstellung zurücksetzen und einfach mal gepflegt nichts tun. Und dann, nach dem letzten Arbeitstag.

Doch die Rechnung wurde ohne die Vorstandsvorsitzende des Unternehmens „Zuhause AG“ gemacht. Denn zeitgleich mit dem Einreichen des Rentenantrags hat die Ehefrau klammheimlich ein komplett neues Jobprofil erstellt. Kaum ist der Wecker im Ruhestand, fällt der Startschuss für das härteste Praktikum deines Lebens, eingeleitet durch die fünf harmlosesten, aber gleichzeitig gefährlichsten Worte der deutschen Sprache:

„Schatz, kannst du mal bitte…?“

Die magische 100-Punkte-Liste

Plötzlich stellt man fest, dass sich in den letzten 40 Jahren eine unsichtbare, aber scheinbar unendlich lange To-Do-Liste angesammelt hat. Es ist die berüchtigte „Du hast ja jetzt Zeit“-Liste. Kaum hast du morgens den ersten Schluck Kaffee im Mund, wird das Dokument feierlich ausgerollt. Da stehen keine Kleinigkeiten drauf. Nein, das ist ein handfestes Sanierungsprogramm für die nächsten drei Jahrzehnte.

Der Keller: Muss nicht nur aufgeräumt, sondern eigentlich komplett entkernt werden.

Die Garage: Braucht einen neuen Anstrich – inklusive vorheriger Sortierung aller Schrauben nach links- und rechtsdrehend, nach Größe, Farbe und Gewicht.

Das Quietschen der Badezimmertür: Das seit 2012 erfolgreich ignoriert wurde, ist jetzt eine akute Aufgabe mit der Prioritätsstufe Eins.

Im Garten – neue Ideen: Der Garten sollte mal wieder komplett neu gestaltet werden. Nicht nur Pflanzen setzen und schneiden. Vielleicht könnten „wir“ ja mal darüber nachdenken, ob ……..

Der Satz „Du hast ja jetzt Zeit“ ist dabei die ultimative Allzweckwaffe. Er hebelt jede logische Argumentation aus. Dass man eigentlich gerade ein Buch lesen oder einfach nur Löcher in die Luft starren wollte, zählt nicht. Freizeit? Resturlaub? Gibt es im neuen Betrieb nicht.

Tagesbefehle und die „Zwischendurch“-Falle

Besonders raffiniert wird es beim Frühstück. Da folgt die strategische Zersplitterung des Tagesablaufs. „Heute kannst du ja mal das Garagentor ölen… und wenn du das Werkzeug eh schon in der Hand hast, guck gleich nach der Dachrinne.“

Bevor man überhaupt geistig den Blaumann angezogen hat, schnappt die nächste Falle zu: „Und du hast ja Zeit, dann kannst du zwischendurch noch schnell den Wocheneinkauf erledigen.“

Dieses „zwischendurch“ ist die größte Lüge des modernen Ruhestands. Jeder, der schon mal an einem ganz normalen Dienstagvormittag um 10:30 Uhr versucht hat, einen Supermarkt zu betreten, weiß: Das ist kein Einkauf, das ist Krieg. Die Gänge sind verstopft mit anderen Rentnern, die ebenfalls von ihren Frauen mit Zetteln losgeschickt wurden. Man erkennt sie am suchenden, leicht traumatisierten Blick vor dem Nudelregal, während sie per Telefon das exakte Fabrikat der Tomatensoße abklären müssen.

Der erfolgreichste Streik der Welt

Man lernt im Ruhestand schnell: Wer zu schnell und zu perfekt arbeitet, kriegt sofort Folgeaufträge. Wer die Hecke im Rekordtempo schneidet, qualifiziert sich automatisch für das Ausgraben des alten Apfelbaums.

Die einzige Überlebensstrategie im neuen Lebensabschnitt heißt daher: Taktische Inkompetenz. Wenn man beim Einkaufen statt der Schlagsahne dreimal hintereinander saure Sahne mitbringt oder das Garagentor nach dem Ölen lauter quietscht als vorher, sinkt die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass man für diese Aufgaben fest eingeplant wird. Oder wenn du die Gartenhecke so zerfetzt, dass kaum noch was übrig ist, haste große Chancen.

Am Ende des Tages muss man es eben mit Humor nehmen. Die Struktur, die uns früher der Chef gegeben hat, kommt jetzt eben aus der Küche. Und wenn man abends völlig kaputt von der „Zwischendurch-Arbeit“ auf die Couch fällt, weiß man wenigstens eines ganz sicher: Der Ruhestand wird alles, aber garantiert nicht langweilig.

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