Der letzte Arbeitstag – und jetzt?

RENTE - der letzte Arbeitstag – und jetzt?

Rente ist wenn der Wecker nicht mehr den Tag bestimmt

Jahrzehntelang hat der Wecker den Tagesablauf bestimmt. Und plötzlich ist sozusagen Feierabend – für immer. Ein komisches Gefühl, wenn am nächsten Morgen niemand mehr auf dich wartet.

Auszug aus dem Job – die Sachen packen

Du packst die letzten persönlichen Sachen in einen Pappkarton, schüttelst ein paar Hände von Menschen, die dir in den letzten Jahren mal mehr, mal weniger ans Herz gewachsen sind, trinkst einen lauwarmen Abschiedssekt aus dem Pappbecher und nimmst den obligatorischen Gutschein für den Baumarkt entgegen. Du gehst durch die Tür, drehst dich auf dem Parkplatz noch ein einziges Mal um, blickst auf die Fassade und das war’s dann. Jahrzehntelang hat der Wecker den Tagesablauf gnadenlos diktiert, hat dich durch Staus, Meetings und Deadlines gepeitscht und plötzlich ist Feierabend. Für immer. Kein Zurück mehr, kein „nächste Woche fängt das neue Quartal an“.

Es ist ein verdammt komisches, fast schon beängstigendes Gefühl, wenn am nächsten Morgen einfach niemand mehr auf dich wartet. Der Betrieb läuft weiter, aber ohne dich. Dein Schreibtisch wird vielleicht schon geräumt, deine E-Mail-Adresse gelöscht, während du zu Hause sitzt.

Endlos-Urlaub

In den ersten Tagen fühlt sich das Ganze noch an wie der längste und am härtesten verdiente Urlaub deines Lebens. Du wachst um 06:00 Uhr auf, weil die innere Uhr nach wie vor tickt wie ein unerbittliches Schweizer Uhrwerk. Das biologische System lässt sich nach Jahrzehnten der Konditionierung schließlich nicht per Knopfdruck ausschalten. Aber dann merkst du im Halbschlaf plötzlich: Du musst gar nicht raus. Es gibt nix, keinen Chef, der finster auf die Uhr blickt. Du drehst dich einfach noch mal um, ziehst die Decke bis zur Nase, schläfst genüsslich weiter und denkst dir beim Aufwachen: „Genial. Ich habe es geschafft. Freiheit pur!“ Du genießt das Frühstück ohne Blick auf die Uhr und zelebrierst die absolute Abwesenheit von Verpflichtungen.

Euphorie ohne Job – du bist Rentner

Doch die erste, berauschende Euphorie verfliegt leider viel schneller, als einem lieb ist. Nach spätestens zwei Wochen schleicht sie sich klammheimlich an, die große, gähnende Leere.

Als ob das Gehirn nach Jahrzehnten im permanenten Vollgas-Modus einfach nicht kapiert, dass es jetzt den Gang rausnehmen und den Motor abstellen darf. Es läuft im Leerlauf weiter, dreht ununterbrochen hoch und sucht verzweifelt nach Arbeit. Du stehst morgens in der Küche, den frisch gebrühten Kaffee in der Hand, und starrst etwas verloren aus dem Fenster.

Der Nachbar hetzt mit der Aktentasche unterm Arm im feinen Anzug zum Auto, die Müllabfuhr rumpelt lautstark vorbei, die Welt da draußen rotiert im gewohnten, hektischen Takt – nur du bist irgendwie aus dem Karussell geflogen und stehst einsam am Rand. Es wartet kein dringender Kunde, kein ungeduldiger Chef, kein Kollege, der dich auf dem Gang abfängt und fragt, wo verdammt noch mal die Akte von letzter Woche liegt. Niemand will was von dir. Das ist auf der einen Seite ein absoluter Segen, auf der anderen Seite aber ein echter, brutaler psychologischer Tiefschlag für das eigene Ego. Man fühlt sich plötzlich ein wenig aussortiert.

Sehnsucht nach dem alten Stress

Früher hat man sich beinahe täglich über den Stress beschwert, über die nervigen, ergebnislosen Meetings, die ewigen Umstrukturierungen und das viel zu frühe Aufstehen im dunklen Winter. Heute merkst du plötzlich mit Erschrecken, dass diese ungeliebte Struktur dir verdammt noch mal Halt gegeben hat. Sie war das Korsett, das den Tag zusammengehalten hat.

Der Job war ja schließlich nicht nur reine Arbeit, er war das soziale Zentrum deines Lebens. Wo kriegst du jetzt bitteschön die neuesten Gerüchte her? Mit wem tauschst du dich über Gott und die Welt aus? Mit wem trinkst du den ersten, viel zu starken Pausen-Kaffee in der Teeküche und lästerst über die Chefetage? Mit wem lästert du über irgendjemanden? Diese kleinen, scheinbar unbedeutenden Rituale brechen von heute auf morgen komplett weg und hinterlassen ein Vakuum.

Die ganz große Gefahr im ewigen Feierabend ist die totale Orientierungslosigkeit. Wenn jeder Tag ein Sonntag ist, verliert der Sonntag irgendwann seinen Wert. Man fängt unweigerlich an, den leeren Alltag mit absolut absurden Projekten zu füllen, nur um irgendwie beschäftigt zu wirken – vor sich selbst und vor dem Partner.

Da wird der Keller zum dritten Mal innerhalb einer Woche akribisch nach Schraubengrößen und Dübel-Durchmessern sortiert, die ohnehin schon perfekte Hecke im Garten wird mit der Nagelschere zentimetergenau gestutzt, und beim ganz normalen Wocheneinkauf im Supermarkt verbringt man plötzlich zwei Stunden, weil man die Inhaltsstoffe und Nährwerttabellen von jeder einzelnen Suppendose im Regal studiert, als handele es sich um Weltliteratur. Man mutiert schleichend zum Blockwart des eigenen Lebens, kontrolliert die Postlaufzeiten und beobachtet argwöhnisch, ob der Paketbote auch ordnungsgemäß parkt.

Neustart – nix in der Rente fällt vom Himmel

Man muss sich diesen neuen Lebensabschnitt erst mühsam und Schritt für Schritt erarbeiten. Es fällt nicht einfach so vom Himmel. Man muss schmerzhaft lernen, dass der eigene Wert als Mensch nicht mehr davon abhängt, wie viele E-Mails man bis zum Feierabend beantwortet hat oder wie wichtig der eigene Titel auf der Visitenkarte war. Es ist ein kompletter, radikaler Neustart mit Mitte 60, auf den einen keine Schule und kein Seminar der Welt vorbereitet hat.

Die Kunst besteht wohl darin, den Wecker nicht komplett aus dem Schlafzimmer zu verbannen, sondern ihn einfach völlig neu zu programmieren und zwar für die Dinge, auf die man im Leben wirklich Bock hat, die aber früher immer zu kurz gekommen sind. Der Betrieb läuft auch ohne uns ganz hervorragend weiter, das ist die harte, ernüchternde Wahrheit, die das Ego erst einmal schlucken muss.

Aber das wirklich Schöne daran ist: Unser ganz persönlicher, eigener Betrieb fängt jetzt erst an, nach völlig neuen Regeln zu spielen. Ab jetzt bist du der alleinige Chef deiner Zeit. Also: tief durchatmen, den Kaffee in aller Ruhe austrinken, den Kopf hochhalten und dieser anfänglichen Leere erst mal ganz entspannt und erhobenen Hauptes den Mittelfinger zeigen.

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