Der Spiegel ist gnadenlos ehrlich und zeigt das Alter

Der Spiegel ist gnadenlos ehrlich und zeigt das Alter

Morgens gibt es keine Ausreden mehr

Eigentlich hatte man ein fast schon freundschaftliches Verhältnis zu diesem gläsernen Ding im Badezimmer. Man ging hin, warf einen kurzen Blick hinein, rückte die Haare zurecht und dachte sich: „Passt schon, kann man so auf die Menschheit loslassen.“ Der Spiegel war eher ein Kumpel, ein loyaler Komplize des eigenen Egos. Er hat ein bisschen schmeichelhaftes, warmes Licht reflektiert, kleine Unstimmigkeiten charmant überspielt und schlichtweg das Beste aus der Situation gemacht. Man verließ das Bad mit dem Gefühl, die Welt erobern zu können.

Spiegel im Badezimmer – dein Feind

Diese Zeiten sind aber endgültig vorbei. Der Badezimmerspiegel ist kein Freund mehr, sondern ein knallharter, unbestechlicher Richter, der jeden Morgen ein Gnadengesuch ohne Angabe von Gründen ablehnt. Morgens gibt es keine Ausreden mehr. Der Blick verrät alles. Keine Ausflüchte, kein Schönreden – die nackte, ungeschminkte Wahrheit starrt einen direkt an, noch bevor man überhaupt den ersten Schluck Kaffee intus hat.

Das Drama beginnt in der Sekunde, in der man im Halbschlaf den Schalter betätigt und das Licht im Badezimmer anknipst. Wer auch immer diese modernen, tageslichtweißen LED-Birnen erfunden hat, gehört lebenslang verbannt. Dieses Licht kennt absolut keine Gnade. Es flutet den Raum mit einer brutalen Intensität, die eigentlich für Tatort-Untersuchungen der Spurensicherung oder für den Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses gedacht ist. Jede noch so kleine Pore wird ausgeleuchtet, als stünde sie im Scheinwerferlicht einer Stadionbeleuchtung.

Das Gesicht – die wundersame Verwandlung

Als ob man die Nacht nicht friedlich im Bett verbracht hätte, sondern bei einem illegalen Boxkampf im Untergrund! Das Gesicht, das einem da entgegenblickt, hat mit dem eigenen Personalausweisbild nur noch vage Ähnlichkeit. Man fragt sich ernsthaft, wer ist diese Person da, die einen so mürrisch mustert. Wo kommen diese Furchen her? Man hat das Gefühl, die Bettdecke hat sich im Laufe der Nacht als 3D-Relief dauerhaft in die Wange geprägt, und die Falten auf der Stirn erinnern an ein frisch gepflügtes Kartoffelfeld. Und die Augen? Das sind keine Sehorgane mehr, das sind zwei schmale Schlitze, umrahmt von dunklen Ringen, in denen man problemlos das Kleingeld für den Parkscheinautomaten oder den Einkaufswagen verstecken könnte. Und echt jetzt, der Körper macht irgendwie was er will.

Der Spiegel lügt nicht

Er hält dir das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit vor die Nase. Es ist die Realität des Älterwerdens.

Die Falten um die Augen? Früher nannte man sie charmant Lachfalten. Heute zeigt der Spiegel im Licht, dass sie sich tief in die Haut gegraben haben und auch dann bleiben, wenn einem überhaupt nicht nach Lachen zumute ist. Sie sind gekommen, um zu bleiben.

Unter den Augen? Die Spannkraft ist weg. Diese Tränensäcke, die einfach nicht mehr verschwinden wollen.

Früher hat man sich im Spiegel betrachtet, um sich für den Tag zu stylen, um den perfekten Look zu kreieren. Heute steht man davor und betreibt schlichtweg Schadensbegrenzung bei einem alternden Material. Man klatscht sich eiskaltes Wasser ins Gesicht, in der Hoffnung, die schlaffe Haut möge sich durch den Kälteschock wie durch ein Wunder wieder straffen. Man zieht die Haut an den Schläfen versuchsweise mit den Fingern nach hinten – nur um frustriert festzustellen, dass das Gesicht sofort wieder in die zerknitterte, altersgemäße Ausgangslage zurückploppt, sobald man loslässt. Aber was passiert – was? Ja, genau, nix.

Älterwerden – die Wahrheit

Das Schlimmste an der ganzen Sache ist diese absolute, ungeschminkte Wahrheit des Älterwerdens. Man kann sich selbst einreden, dass man sich im Kopf noch wie Mitte zwanzig fühlt, dass das Alter nur eine Zahl ist und man die Vitalität quasi gepachtet hat. Aber vor dem Ding im Badezimmer zieht diese Illusion den Kürzeren. Der Spiegel weiß ganz genau, welches Baujahr du bist. Er dokumentiert jedes Jahr, jeden Monat und jeden Tag des Reifeprozesses, ohne Rücksicht auf deine Gefühle. Er zeigt dir ganz deutlich, dass der jugendliche Teint endgültig der Reife gewichen ist.

Älter werden ist halt so – mein Entschluss

Also jetzt mal ehrlich – so ungeschminkt halt. Am Ende ist der Spiegel wahrscheinlich gar nicht das Problem. Der macht schließlich nur seinen Job.

Das eigentliche Problem ist doch, dass ich jedes Mal davorstehe und ernsthaft hoffe – heute hätte er sich vielleicht mal geirrt.

Unter uns mal – ich habe jetzt beschlossen, die Sache strategisch anzugehen, um den täglichen Frust zu minimieren: Ich putze mir die Zähne ab sofort nur noch im Dunkeln. Das schont die Nerven und macht weniger Stress.

Aber egal – älter werd ich trotzdem. Jetzt gibt’s erst mal Kaffee – gut is dann.

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