Rentner – wenn das Hobby plötzlich zum Hauptberuf wird

Rentner – wenn das Hobby plötzlich zum Hauptberuf wird

Garten, Werkstatt oder Haus

Früher gab es diesen einen Satz, den man wie ein Mantra vor sich hergetragen hat, wenn der Chef mal wieder genervt hat oder der Wecker um sechs Uhr morgens klingelte: „Wenn ich erst mal in Rente bin, dann…“ Ja, was eigentlich? Dann wird das nachgeholt, was das normale Arbeitsleben jahrzehntelang erfolgreich blockiert hat. Die Hobbys, die man früher krampfhaft in die paar freien Stunden am Wochenende quetschen musste, dürfen jetzt endlich raus. Und zwar mit voller Wucht! Aus dem kleinen Feierabend-Zeitvertreib wird von heute auf morgen ein neuer Fulltime-Job – inklusive Überstunden, aber diesmal freiwillig.

Mobilmachung im Garten

Das beste Beispiel für diese Verwandlung ist die Person als Rentner zum Großgrundbesitzer. Wer früher froh war, wenn er es samstags noch geschafft hat, den Rasenmäher einmal im Schnelldurchgang über das Grün zu jagen, wird im Ruhestand zum unerbittlichen General über Rasen und Beete.

Der eigene Garten wird ab jetzt nicht mehr gepflegt, er wird rigoros bewirtschaftet. Jedes Unkraut, das es wagt, den Kopf zwischen den Rosen hervorzustrecken, wird zum persönlichen Staatsfeind erklärt. Da wird nicht einfach nur ein bisschen gezupft – da wird mit schwerem Gerät, Spezialwerkzeug und dem geballten Wissen aus fünf verschiedenen Garten-Magazinen angerückt.

Das kleine Gewächshaus, das früher vollgestellt war mit alten Blumentöpfen und Gerümpel, wird zur High-Tech-Zuchtstation für Tomaten und Salat umfunktioniert. Der Rentner steht hier nicht mehr entspannt mit der Gießkanne, er leitet ein echtes Familienunternehmen für Gemüse.

Heimwerken im Akkord

Nicht weniger heftig ist der Rückzug in die eigene Werkstatt. Der Keller oder die Garage, früher der Ort, um mal schnell einen Fahrradschlauch zu flicken, verwandelt sich in ein absolutes Heimwerker-Paradies. Der Gutschein aus dem Baumarkt, den man zum Abschied von den Kollegen bekommen hat, wirkt da wie Benzin im offenen Feuer.

Plötzlich steht da eine Profi-Kreissäge, die auch in jedem Schreinereibetrieb der Region eine gute Figur machen würde, flankiert von Schleifmaschinen und Werkzeugwänden, an denen jede Schraube nach Größe und Farbe sortiert ist. Der frischgebackene Rentner verschwindet morgens nach dem Frühstück im Blaumann im Untergrund und taucht erst zum Abendessen wieder auf – komplett eingestaubt, aber mit dem glücklichen Grinsen eines Mannes, der eine echte Mission hat.

Das einzige Problem: Die Nachfrage kommt der Produktion überhaupt nicht hinterher. Wenn das eigene Haus erst einmal mit selbstgebauten Schlüsselbrettern, massiven Holztischen und kunstvollen Schalen ausgestattet ist, wird die Verwandtschaft beliefert. Man traut sich kaum noch zu Besuch, aus Angst, mit der dritten zentnerschweren Gartenbank aus Altholz nach Hause zu gehen. Der Rentner kennt keinen Feierabend, er produziert im Akkord.

Warum wir das brauchen

Warum machen wir das eigentlich? Warum legen wir uns nicht einfach auf die faule Haut und tun genau das, was auf dem Papier steht – nämlich gar nichts? Die Antwort ist ganz einfach: Weil der Mensch eine Aufgabe braucht wie die Luft zum Atmen. Nach Jahrzehnten, in denen man über Leistung, Meetings, Termine und Ergebnisse definiert wurde, kann man nicht von heute auf morgen den Stecker ziehen und den Kopf komplett ausschalten. Wir brauchen das Gefühl, etwas zu schaffen und am Ende des Tages müde, aber zufrieden auf unser Werk blicken zu können.

Das Hobby als neuer Hauptberuf ist der beste Rettungsanker gegen die Langeweile. Der einzige, aber absolut geniale Unterschied zum früheren Job: Es gibt keinen Chef mehr, der uns dämliche Anweisungen gibt, keine nervigen Kunden und vor allem keine Tabellen, die ausgefüllt werden müssen. Wenn die Säge heute mal schweigt, weil die Lust fehlt, dann ist das eben so. Wir haben uns die Freiheit hart erarbeitet, im eigenen Betrieb die Regeln selbst zu schreiben. Und wenn dieser Betrieb eben daraus besteht, die Rasenkante mit der Nagelschere zu schneiden, dann ist das verdammt noch mal der schönste Job der Welt!

Am Ende ist der Ruhestand vielleicht die größte Mogelpackung des Lebens. Jahrzehntelang freut man sich darauf, endlich nichts mehr tun zu müssen und kaum ist es so weit, arbeitet man wieder. Nur ohne Gehalt, ohne Urlaub und freiwillig. Der Garten und das Haus kennen keine Tarifverträge, die Werkstatt keine Öffnungszeiten und das Haus findet jeden Morgen irgendeine neue Baustelle. Früher fragte der Chef: „Sind Sie fertig?“ Heute fragt die Ehefrau: „Wenn du schon den ganzen Tag zu Hause bist – könntest du mal eben …?“ Tja. Manche wechseln mit der Rente den Beruf. Andere nur den Vorgesetzten.

Und noch was – wir werden älter, müssen langsamer macht. Ich sag’s euch Rente ist nicht einfach und älter werden nix für Anfänger.

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