Auto – plötzlich Nebensache wenn wir älter werden

Auto – plötzlich Nebensache wenn wir älter werden

Auto – früher wurde es jedes Wochenende poliert

Heute reicht es, wenn es fährt.

Eigentlich gab es diese heilige Samstags-Tradition, die fest im Bewusstsein verankert war. Sobald die ersten Sonnenstrahlen das Pflaster der Einfahrt berührten, öffneten sich im ganzen Land die Garagentore. Man trat heraus, bewaffnet mit dem roten Plastikeimer, dem sündhaft teuren Spezial-Shampoo mit Wachs-Anteil und dem feinsten, butterweichen Hirschlederlappen.

Das Auto war damals nicht einfach nur ein Fortbewegungsmittel, um von einer Kreuzung zur nächsten zu gelangen – es war das geliebte Blechkind, das Aushängeschild der eigenen Existenz. Jede einzelne Felge wurde penibel mit einer ausrangierten Zahnbürste von mikroskopisch kleinem Bremsstaub befreit. Man kniete stundenlang auf dem harten Boden, nur um die Reifenflanken mit speziellem Glanzspray tiefschwarz zu färben.

Wehe, ein unvorsichtiger Vogel hat es in dieser Phase gewagt, im Tiefflug die frisch polierte Motorhaube als Zielscheibe zu nutzen. Da herrschte im Umkreis von drei Kilometern sofort der absolute Ausnahmezustand! Es wurden Nachbarn alarmiert, Reinigungstücher gezückt und Flüche ausgestoßen, die man sonst nur aus Katastrophenfilmen kennt. Der Samstag war gelaufen, die Ehre verletzt.

Älterwerden und der Wandel der Zeit

Diese Zeiten sind vorbei. Heute ist das Auto plötzlich Nebensache. Es herrscht die Ära des pragmatischen Realismus, die mit dem Älterwerden Hand in Hand geht. Solange die Kiste morgens ohne bedrohliche Rauchzeichen anspringt und zuverlässig von A nach B rollt, ist die Welt in bester Ordnung. Der emotionale Ballast, den man früher mit sich herumschleppte, ist weggefallen.

Der Wandel vollzieht sich schleichend, aber gründlich. Früher flog man noch wütend aus dem Sattel, wenn beim Einparken der Reifen auch nur minimal den Randstein touchiert hat. Man stieg sofort aus, ging auf die Knie und untersuchte das Aluminium auf Haarrisse, während der Blutdruck in lebensgefährliche Höhen schoss.

Heute? Da nimmst du ein dumpfes Kratzen von der Stoßstange vorne rechts beim Rangieren im Parkhaus nur noch am Rande zur Kenntnis. Man zuckt kurz mit den Schultern, schaltet den Motor aus und denkt sich mit stoischer Gelassenheit: „Na ja, Plastik rostet wenigstens nicht. Und außerdem war die Wand härter.“ Eine Schramme ist kein persönliches Drama mehr, sondern verleiht dem Wagen höchstens etwas „Charakter“ und erzählt die Geschichte eines gelebten Autolebens. Es ist wie mit den eigenen Falten: Sie gehören jetzt einfach dazu.

Der Beifahrer-Fußraum wird zur Ausgrabungsstätte

Auch das Innenleben des Fahrzeugs spiegelt diese neue, fast schon meditative Gelassenheit wider. Früher galt im Cockpit ein striktes, absolut unumstößliches Ess- und Trinkverbot. Wer auch immer eine potenzielle Krümel-Gefahr heraufbeschwor oder es wagte, mit einer offenen Limonadendose in die Nähe der Polstersitze zu treten, durfte den Rest des Weges ohne Diskussion zu Fuß gehen. Das Interieur glich einem sterilen OP-Saal, in dem der Duftbaum die einzige erlaubte olfaktorische Veränderung darstellte.

Und heute? Der Beifahrer-Fußraum gleicht einer geologischen Ausgrabungsstätte für zukünftige Historiker generationenübergreifender Snack-Kultur. Wenn man tief genug durch die Schichten gräbt, findet man zwischen alten Parkquittungen, leeren Kaugummistreifen und verwaisten Pfandflaschen sicher noch ein paar vergessene D-Mark-Münzen oder die Überreste eines Müsliriegels aus der letzten Legislaturperiode. Man saugt das Auto nicht mehr aus, weil es schmutzig ist, sondern erst dann, wenn die herumrollenden Kleinteile die Pedale zu blockieren drohen.

Schutzschicht aus Straßenschlamm

Die Waschanlage sieht das Auto mittlerweile ebenfalls nur noch im absoluten Ausnahmefall – grob geschätzt zweimal im Jahr. Und zwar immer genau dann, wenn man die Windschutzscheibe vor lauter Blütenstaub im Frühjahr oder den dicken Salzresten im Winter nicht mehr von der Motorhaube unterscheiden kann. Man entwickelt mit den Jahren eine ganz eigene Theorie, um die Trägheit zu rechtfertigen: Als ob der Dreck auf dem Lack eine natürliche Schutzschicht gegen den sauren Regen und die UV-Strahlung wäre! Eine Art biologische Versiegelung, die völlig kostenlos vom Himmel fällt.

Die Farbe des Autos ist im Fahrzeugschein zwar immer noch als „Silber“ eingetragen, aber die optische Realität tendiert seit Monaten eher gegen ein dezentes, mattes „Straßenschlamm-Grau“. Wenn jemand versucht, seinen Namen in den Staub auf der Heckklappe zu schreiben, wird das nicht mehr als Beleidigung verstanden, sondern als kostenlose Dekoration.

Das Schönste an dieser neuen Älterwerden Egal Einstellung ist jedoch die enorm gewonnene Lebenszeit. Während man früher den gesamten Samstagvormittag mit der perfekten Drei-Phasen-Lackversiegelung verplempert hat, sitzt man heute entspannt auf der Couch, trinkt in aller Ruhe Kaffee oder macht irgendwas, das tatsächlich Spaß bringt. Das Auto hat seinen einstigen Status als Statussymbol komplett verloren – es ist vom heiligen Gral zum reinen, austauschbaren Nutzgegenstand mutiert. Es muss nicht mehr glänzen, um das Ego des Besitzers zu spiegeln. Es muss mich einfach nur zum Supermarkt und zurückbringen, ohne dass unterwegs der Auspuff abfällt oder ein wichtiges Rad die Kurve ohne das Rest-Auto nimmt.

Älterwerden –  das Fazit der Gelassenheit

Am Ende des Tages ist es doch so: Die inneren Werte zählen, sowohl beim Menschen als auch beim Blech. Und solange der Motor unter der Haube schnurrt wie ein zufriedenes Kätzchen, die Bremsen packen und die Heizung im kalten Winter zuverlässig funktioniert, darf der Lack draußen ruhig stumpf und matt sein.

Man wird ja selbst schließlich auch nicht jünger, die ersten Lackschäden sind im eigenen Gesicht längst sichtbar, und die Stoßdämpfer in den Knien knarren morgens auch ab und zu. Warum sollte es dem Auto da eigentlich anders gehen? Es ist der perfekte Gleichschritt des Alterns: Man altert einfach gemeinsam und in aller Würde mit seiner Kiste und das völlig ohne schlechtes Gewissen.

Ähnliche Beiträge