Mein Körper macht inzwischen was er will

Mal zwickt die Schulter, mal das Knie – Langweilig wird es jedenfalls nie
Früher war mein Körper ein absolut verlässlicher Partner. Eine gut geölte Maschine. Ich konnte nächtelang durchfeiern, auf ungemütlichen Böden pennen, eiskaltes Zeug trinken und am nächsten Tag ohne mit der Wimper zu zucken Bäume ausreißen. Geräuschlos. Ohne Widerworte. Diese Zeiten sind endgültig vorbei
Heute macht dieser Körper da unten einfach, was er will
Das fängt morgens schon beim Aufstehen an. Man wirft die Decke beiseite, will geschmeidig aus dem Bett federn und stattdessen ertönt ein Geräuschkonzert, als würde man einen Sack voll leerer Coladosen die Kellertreppe runtertreten. KNACK! KNIRSCH! Da stehst du erst mal im Zimmer und musst mühsam sortieren, welche Knochen heute überhaupt die Freigabe zum Gehen erteilt haben.
Mein Körper arbeitet mittlerweile im Schichtbetrieb
Das ist das reinste Rotationsprinzip des Grauens!
Montags zwickt die linke Schulter. Warum? Als ob ich nachts heimlich Beton gemischt hätte! Nein, ich habe einfach nur fünf Millimeter zu weit rechts auf dem Kissen gelegen. Das reicht für die Schulter völlig aus, um in den unbefristeten Streik zu treten. Du willst dir morgens nur die Haare kämmen, und der Arm signalisiert dir: „Abbruch! Systemfehler! Wenden Sie sich an Ihren Orthopäden.“
Dienstags gibt die Schulter plötzlich wieder Ruhe. Man freut sich schon – aber natürlich zu früh! Denn das linke Knie hat nahtlos die Schicht übernommen. Beim einfachen Gang zur Kaffeemaschine macht es plötzlich „Plopp“ und das Ding schwillt an wie ein Hefeteig. Warum? Weil ich am Vortag eine Treppenstufe zu ambitioniert genommen habe. Mein Knie denkt sich mittlerweile bei jeder Stufe: „Das ist der Mount Everest, das schaffen wir psychisch nicht.“
Mittwochs schlägt dann der Rücken zu. Einmal kurz vornübergebeugt, um die Schuhe zuzubinden, und das System geht in den totalen Lockdown. Du stehst da wie ein Fragezeichen und kommst nicht mehr hoch. Da kannst du nur noch hoffen, dass irgendjemand einen Kaffee in deine Nähe stellt, weil du die nächsten Minuten erst mal die Struktur des Teppichbodens aus nächster Nähe studieren darfst.
Nix ist vorhersehbar – alt werden ist nicht planbar
Das Faszinierende ist ja diese absolute Unvorhersehbarkeit beim älter werden. Man weiß beim Augenaufschlagen nie, welches Körperteil heute die Hauptrolle im täglichen Drama übernimmt. Der Nacken streikt spontan wegen einer offenen Autotür in drei Kilometern Entfernung, die Sehnen entzünden sich aus Protest gegen eine etwas schwerere Einkaufstüte, und die Gelenke wettern generell gegen jede Form von Bewegung.
Früher haben wir uns beim Stammtisch über Musik, Autos und die besten Konzerte unterhalten. Heute fliegen die Visitenkarten vom Chiropraktiker über den Tisch. Wir fachsimpeln stundenlang über Rheumasalben, orthopädische Einlagen und welches Wärmepflaster den besten Klebstoff hat. Wenn heute einer aus der Runde aufsteht, klingt das wie eine schlecht geschmierte Bahnhofsuhr von 1890.
Ich bin definitiv nicht mehr der Chef im eigenen Haus, sondern nur noch der Verwalter eines ziemlich sanierungsbedürftigen Altbaus. Da dachte ich mit der Rente läuft’s besser, nö, mein Körper sagt ich bin trotzdem alt. Mein Körper macht, was er will, aber solange der Motor überhaupt noch anspringt, wird weitergemacht. Feuer frei für den nächsten Tag, mal sehen, was sich das Sprunggelenk bis morgen überlegt hat!

