Älterwerden – das war so nicht abgesprochen

Mal ehrlich… irgendwo stimmt doch da was nicht, dachte ich so. Das muss doch ein Versehen sein. Da wirst du geboren, lernst laufen, gehst zur Schule, schuftest dein halbes Leben und irgendwann wachst du morgens auf, weil dir die Hüfte wehtut. Einfach so. Ohne Grund. Im Schlaf! Sach mal… wer denkt sich denn so einen Blödsinn aus?
Älterwerden – einfach so
Früher bist du hingefallen, hast dir den Dreck von der Hose geklopft und bist weitergelaufen. Heute schläfst du acht Stunden in deinem Bett, drehst dich nachts einmal etwas zu schwungvoll um und wachst morgens auf, als hätte dich ein Mähdrescher überrollt. Da sitzt du auf der Bettkante, starrst erst mal zehn Sekunden ins Leere und überlegst, ob das Aufstehen die Schmerzen überhaupt wert ist. Der Körper macht Geräusche, die früher nur die alte Kellertür gemacht hat. Knie… knack. Rücken… knirsch. Schulter… aua. Und das alles noch bevor du überhaupt einen Kaffee gesehen hast.
Alt sein -niemand hat mich gewarnt
Das Beste ist ja: Keiner hat dich davor gewarnt. In der Schule lernst du irgendwelche Formeln, die kein Mensch jemals wieder braucht. Aber dass du irgendwann beim Schuhe anziehen automatisch die Luft anhältst, das erzählt dir keiner. Dabei wäre das mal nützlich gewesen. Hätte der Lehrer damals gesagt: „Kinder, genießt das. Irgendwann zieht ihr euch die Socken an und fragt euch dabei, warum plötzlich die Wade krampft.“ Da hätten wenigstens alle gewusst, was auf sie zukommt.
Das Alter kommt schleichend
Und dann dieses Hinterfotzige. Das kommt ja nicht mit Pauken und Trompeten. Nee… das schleicht sich an. Erst hältst du Speisekarten ein bisschen weiter weg. Zwei Monate später reicht der Arm nicht mehr. Irgendwann kaufst du freiwillig eine Lesebrille. Nicht weil du willst… sondern weil du im Restaurant aus Versehen die Getränkekarte der Kinder in der Hand hast und trotzdem nichts lesen kannst.
Überhaupt entwickelt der Körper plötzlich einen ganz eigenen Sinn für Humor. Früher hast du einen Schrank aufgebaut. Heute reicht es, wenn du einen Kasten Wasser vom Auto bis zur Haustür trägst. Danach läufst du durchs Wohnzimmer wie ein Cowboy nach drei Tagen im Sattel. Jeder Schritt tut irgendwo weh. Du setzt dich aufs Sofa und brauchst Anlauf, um wieder hochzukommen. Kommt Besuch, hoffst du insgeheim, dass er noch eine Stunde bleibt. Nicht weil’s so schön ist… sondern weil du keine Lust hast, schon wieder aufzustehen.
Alt sein und denken
Und dieses Gedächtnis… das ist inzwischen auch ein Kapitel für sich. Du marschierst voller Überzeugung in die Küche. Richtig entschlossen. Irgendwas war wichtig. Ganz wichtig sogar. Du kommst an, bleibst mitten im Raum stehen und guckst den Kühlschrank an. Der Kühlschrank guckt zurück. Fünf Sekunden. Zehn Sekunden. Nichts. Absolute Funkstille im Oberstübchen. Da denkst du schon, der Router im Kopf hätte sich aufgehängt. Also gehst du wieder zurück. Kaum sitzt du auf der Couch, fällt dir ein, was du wolltest. Also wieder los. Unterwegs klingelt das Telefon. Danach gehst du erneut in die Küche… und vergisst wieder, warum.
Alter und Gespräche
Herrlich sind inzwischen auch die Gespräche mit den Kumpels. Früher wurde diskutiert, welches Auto am schnellsten ist oder wer die verrückteste Geschichte erlebt hat. Heute sitzen vier Männer zusammen und einer sagt mit leuchtenden Augen: „Ich hab neue Einlagen.“ Da wird nicht gelacht. Nee. Da fragen die anderen sofort: „Welche denn?“ Zehn Minuten später reden alle über Fußbett, Dämpfung und Fersensporn, als würde gerade der Friedensnobelpreis verliehen. Einer zieht sogar den Schuh aus. Freiwillig! Damit die anderen sich die Einlage anschauen können. Sach mal… wann genau ist das eigentlich passiert?
Einkaufen im Alter
Im Supermarkt ist es auch nicht besser. Früher hast du Bier, Grillfleisch und Chips gekauft. Fertig. Heute bleibst du vor dem Regal mit Wärmepflastern stehen und überlegst ernsthaft, ob du lieber die Familienpackung nimmst. Daneben liegen Kompressionsstrümpfe im Angebot und für einen kurzen Moment denkst du: „Kann man ja mal ausprobieren.“ Genau in diesem Augenblick weißt du, dass irgendetwas komplett aus dem Ruder gelaufen ist.
Das Schlimmste ist aber, dass man plötzlich Geräusche von sich gibt, ohne es zu merken. Du setzt dich hin… „Hoooaaah…“ Du stehst wieder auf… „Uffff…“ Niemand hat dich dazu gezwungen. Das passiert einfach. Irgendwann hörst du dich selbst und erschrickst. Sach mal… wer hat denn da gerade gestöhnt? Ach so… ich war das. Großartig. Der eigene Körper kommentiert inzwischen jede Bewegung wie ein schlecht gelaunter Bauarbeiter.
Und trotzdem erzählen dir die Jungen ständig, wie anstrengend ihr Leben ist. Weil das WLAN mal zwei Minuten weg war oder der Akku vom Handy nur noch zwölf Prozent hat. Da musst du dich wirklich zusammenreißen. Zwölf Prozent? Mein Freund… ich wäre froh, wenn mein Rücken morgens überhaupt noch mit zwölf Prozent starten würde.
Am Ende kommst du zu einer einzigen Erkenntnis. Älter werden ist wie ein Gebrauchtwagen ohne Serviceheft. Jeden Morgen leuchtet irgendwo eine neue Warnlampe auf. Heute das Knie, morgen die Schulter, nächste Woche der Nacken. Reparieren kannst du nichts mehr, Ersatzteile gibt’s auch keine und der Hersteller ist grundsätzlich nicht erreichbar. Also machst du genau das, was alle machen: Du klopfst einmal liebevoll aufs Armaturenbrett, murmelst „Wird schon halten“… und fährst einfach weiter. Bis irgendwo wieder etwas knackt. Ich sage ja „Älterwerden is nix für Anfänger„.

